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Arthur  Schopenhauer

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Auszug aus: Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon, 4. Bd. Leipzig (Brockhaus) 1860, S. 711 ff.;
  - Die Rechtschreibung wurde beibehalten; Zwischenüberschriften und Anmerkungen  von Herbert Becker -

- Teil 9 -

Der “ Wille ” - Freiheit und Erlösung

Der in allen Wesen zur Erscheinung kommende Wille nun ist nach Schopenhauer an  sich identisch, unzerstörbar und frei.(1) Die Verkennung der Identität des Willens in allen seinen durch die Individuation getrennten Erscheinungen ist die Quelle des Egoismus und der Bosheit, sowie dagegen die intuitive Erkenntniß jener Identität die Quelle der Gerechtigkeit und des Wohlwollens oder der Liebe.

Zugleich ergibt sich aus der ursprünglichen Identität des Willens in allen seinen Erscheinungen die ewige Gerechtigkeit, der zufolge der Lohn des Guten und die Strafe des Bösen nicht in einem zukünftigen Himmel und einer zukünftigen Hölle zu suchen, sondern als ewig gegenwärtige zu betrachten sind. Die Unzerstörbarkeit des Willens bringt es mit sich, daß derselbe, solange als er sich bejaht, die Folgen ebendieser Be- jahung, die Noth, das Elend und das Leiden zu tragen hat, also auch durch den Tod der Individuen nicht erlöst werden kann, sondern nur lediglich durch freiwillige Selbst- aufhebung - was die christliche Religion unter Wiedergeburt versteht.

Endlich die Freiheit des Willens an sich ist es, was seine Verneinung oder Selbstaufhebung möglich macht. Wäre der Wille an sich nicht frei, so könnte freilich die Welt von Sünde und Elend, wie sie aus der beharrlichen Bejahung des Willens zum Leben stets aufs neue hervorgehen, nie erlöst werden. Aber die thatsächlich in den Heiligen aller Zeiten in Erscheinung gekommene Verneinung des Willens zum Leben oder freiwillige Selbstaufhebung beweist, daß seine Erlösung möglich ist.

Wenn erst der Wille die in den Heiligen nur vereinzelt, sporadisch vorkommende Abwendung vom Leben im Ganzen und Großen vollzogen haben wird, dann wird eben- damit auch die ganze gegenwärtige Welt, die eben nur der Ausdruck der Bejahung des Willens zum Leben ist, wegfallen und eine andere Ordnung der Dinge, die wir freilich nicht positiv bestimmen können, an deren Stelle treten.

“Bejahung des Willens zum Leben, Erscheinungswelt, Diversität aller Wesen, Individualität, Egoismus, Haß, Bosheit, entspringen einer Wurzel, und ebenso anderer- seits Welt des Dinges an sich, Identität aller Wesen, Gerechtigkeit, Menschenliebe, Verneinung des Willens zum Leben.”

> Arthur Schopenhauer : Willensfreiheit ?
               ( Blogbeitrag: Wille und Freiheit in Schopenhauers Philosophie )        

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(1) Gemeint ist hier nur der metaphysische “Wille”, der in allen Lebewesen in Erscheinung tritt. Nur auf ihn bezieht sich die Aussage Schopenhauers von der Freiheit des Willens, nicht aber auf den “Willen”, wie er im gewöhnlichen Sinne verstanden wird. Damit stellt sich die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen - ein Problem, das im Zusammenhang mit den Ergebnissen der heutigen Gehirnforschung, sehr strittig diskutiert wird. Wenn die Willensfreiheit der Menschen grundsätzlich verneint wird, dann dürfte es kaum überzeugend zu begründen sein, wie sie für ihre Taten in ethischer und strafrechtlicher Hinsicht verantwortlich sein können. 

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