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Arthur Schopenhauers Erlösungslehre und Lebensphilosophie

Arthur Schopenhauer

Wohl die meisten Menschen bringen Arthur Schopenhauer , soweit sie sich überhaupt für ihn interessieren, mit treffenden Sprüchen für alle Lebenslagen, also einer Art von Lebensphilosophie, aber kaum mit einer Erlösungslehre in Verbindung. Wahrscheinlich muss man sich ziemlich intensiv mit Schopenhauers vermeintlich pessimistischer Philosophie vertraut gemacht haben, um zu entdecken, dass sich hinter ihr eine Erlösungslehre verbirgt, die mit den östlichen Weisheitslehren, insbesondere mit dem Buddhismus und den altindischen Upanishaden, erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweist.  Doch zunächst: Was verstand Schopenhauer unter Philosophie ?

Arthur Hübscher, der verdienstvolle Herausgeber von Schopenhauers Werken und ehemals langjähriger Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft schrieb dazu: “Philosophie im Sinne Schopenhauers ist nicht bloße begriffliche Zergliederung und Deutung der Welt, sondern zunächst, wie es die großen Denker der Antike wollten, Wegweiser zur Lebensführung und Lebens- meisterung.” (1)

Wie kaum ein anderer weltbekannter Philosoph der Neuzeit erfüllte Arthur Schopenhauer diesen Anspruch: Seine Lebensphilosophie enthält nach den Worten von Thomas Mann ein “Wahrheitserlebnis [...] so hieb- und stichfest, so richtig, wie ich es sonst in der Philosophie nicht gefunden habe. Man kann mit ihr leben und sterben: ich wage zu behaupten, daß die Schopenhauersche Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar mühelos, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist.” (2)

Mit seinem Bekenntnis zu Arthur Schopenhauer bezog sich Thomas Mann wohl weniger auf dessen Aphorismen zur Lebensweisheit als vielmehr auf Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. Es enthält  in seinem Kern eine Erlösungslehre, die mit dem von Schopenhauer hoch geschätzten Buddhismus durchaus vergleichbar ist. Arthur Hübscher fasste den Inhalt der vier Bücher des Hauptwerkes so zusammen:

“Das erste Buch knüpft an Kants Erkenntnislehre, mit der bezeich- nenden Modifizierung: Die Welt ist meine Vorstellung. [...] Wir erfassen die Welt mit Hilfe der Formen unseres Intellekts: Raum, Zeit, Kausalität. Aber diese Formen zeigen uns die Welt nur als Erscheinung, nicht in ihrem wahren Wesen. Nur durch eine Art von Verrat, gleichsam durch einen unterirdischen Gang, wird uns das Innere der verschlossenen Festung zugänglich. Denn von allen Dingen der Welt ist eines uns auf doppelte Weise gegeben, von außen und von innen; das sind wir selbst: Wir sind als Körper im Raum Gegenstand der Erkenntnis, den Gesetzen unterworfen, die in der Welt der Vorstellung herrschen, zugleich aber sind wir Teil der einen Kraft, die das Innerste der Dinge ausmacht: als wollende und handelnde Wesen werden wir auf unmittelbare Weise unser inne. Und darum erschließt uns das Wort Wille, wie ein Zauberwort, das innerste Wesen jedes Dinges in der Natur.

So erhebt sich - dies ist das Thema des zweiten Buches - hinter der Welt als Vorstellung die Welt als Wille. Dem Willen eignet keines der Prädikate, die den Erscheinungen zukommen. Er ist einheitlich, der Vielheit und dem Wechsel der Erscheinungen nicht unterworfen, blind und ewig unbefriedigt, sein Wesen ist unersättliches Verlangen nach Realität. Er verwirklicht sich in einer aufsteigenden Folge, als dumpfer Drang in den Naturkräften, dann von Stufe zu Stufe heller und klarer die Reiche der Natur durchschreitend: die Welt der Steine, der Pflanzen und der Tiere bis zum Menschen - eine endlose Kette rastlosen Begehrens, Gehetzt- und Getrieben-Seins, von Not und Unglück, Schmerz und Leid, Krieg und Tod, ein endloser Kampf aller gegen alle, in dem der Wille immer wieder seine Verkleidungen wechselt, bis er im Menschen schließlich, dem grausamsten und machtsüchtigsten Träger des Weltwillens, bewußt die Natur zu unterwerfen sucht: Saturn [der Gott in der römischen Mythologie], der seine Kinder verschlingt.

In diesem ruhelosen Hin- und Hergeworfensein durch Milliarden und Abermilliarden von Erscheinungen wachsen die Mittel der Erkenntnis allmählich von der bloßen Empfänglichkeit für Reize bei den Pflanzen und der vernunft- losen Erkenntnis bei den Tieren weiter und immer weiter, bis mit einem Male der Intellekt dasteht, auch er nur ein Hilfsmittel zur Erhaltung des Individuums und seiner Art, so gut wie jedes andere Organ des Leibes, das letzte und höchste zwar, aber doch ohnmächtig und dem blinden Willen dienstbar: Der Wille ist das Primäre, der Intellekt das Sekundäre.

Man hat die Desillusionierung der Welt und des Daseins, die Schopenhauer mit schonungsloser Offenheit vorgenommen hat, als Ausdruck eines übertriebenen, kulturfeindlichen, lähmenden Pessimismus angesehen. Ist sie, im Gegenteil, nicht voller Nutzen für eine Zeit, die uns einen Anschauungs- unterunterricht erteilt hat, schlimmer und schrecklicher als alles, was Schopenhauer seit dem Besuch des Bagno [Strafanstalt] in Toulon erleben mußte?

Aber Schopenhauer hat sich mit der Entlarvung des Daseins nicht begnügt. Er hat die Frage aufgeworfen, wie es möglich sein kann, dem unausgesetzten, von Bedürfnis zu Bedürfnis treibenden Zwang des Willens zu entrinnen. Es gibt Augenblicke, in denen das Anhalten der von Vorstellung zu Vorstellung forteilenden Bewegung, von dem wir gesprochen haben, ein Akt des innehaltenden, dem Wesensgrunde zugewandten Erkennens also, eine Loslösung vom Wollen bringt.

In solchen Augenblicken beginnt das Erstaunen, das nach den Worten Platons den Philosophen macht, die Verwunderung über die Welt und über unser eigenes Sein, über die großen unentrinnbaren Probleme des Lebens, [...] die  Schopenhauer nun mit Hilfe eines unerschöpflichen, unendlich vielseitigen Registers von Ausdrucksmitteln in den Bereich der Philosophie zurückholt.

Zugleich aber zeigen sich in diesen Augenblicken der Loslösung die Wege einer Umkehr, einer Erlösung von der Weltqual. So stellen die beiden letzten Bücher des Hauptwerks im Genius und im Heiligen die menschlichen Seins- formen vor uns hin, in denen die Verneinung des blinden, dumpfen, ziellos strebenden und ewig unbefriedigten Willens erreicht ist. Die Künste, die Musik vor allem, rufen zur willenlosen Anschauung der Dinge auf, [...] das Erkennen macht sich für Augenblicke vom Dienst des Willens frei, das Spiel der Leiden- schaften schweigt.

Das vierte Buch aber gilt einer, dauernden Verneinung des Willens. Wer im Mit-Leiden die Schranken der Individualität durchbricht, wer das Leiden alles Lebenden als sein eigenes empfindet, wem schließlich, wie dem Heiligen, alle Wünsche erstorben sind - dem ist der Schleier der Maja gesunken.

Der Kreis hat sich gerundet. Zu der ´ersten Betrachtung`, um Schopenhauers Ausdruck zu gebrauchen, der Betrachtung, die von der Erscheinungswelt der Objekte zu ihrem Wesenskern hinüberführt, ist eine zweite Betrachtung getreten, die von der bedingten zur unbedingten Verneinung       führt.”(3)

Der “Wille” ist, wie Schopenhauer in seiner Philosophie immer wieder zum Ausdruck brachte, die wirkliche Ursache allen Leides. Daher liegt in dessen “unbedingter Verneinung” - obwohl notwendigerweise negativ formuliert - in Wahrheit etwas höchst Positives, nämlich der Schlüssel zur Erlösung aus dieser durch und durch leidvollen Welt. So ist Schopenhauers Lehre zwar eine Lebensphilosophie, mit der man nach Thomas Manns oben zitierten Worten leben und sterben kann. Letztlich ist sie jedoch - das sei hier nochmals hervorgehoben - weit mehr, nämlich eine Erlösungslehre , die mit der in den Upanishaden , also jenen von Schopenhauer hochgeschätzten altindischen  Weisheitsschriften, durchaus vergleichbar ist.

Man könne wohl sagen, meinte Arthur Hübscher, Schopenhauer “habe östliche Weisheit mit den begrifflichen Mitteln der westlichen Philosophie zur Darstellung zu bringen und zu erschließen versucht”(4). Dieser Versuch, so darf hinzugefügt werden, ist Arthur Schopenhauer wie wohl keinem anderen weltbekannten Philosophen des Abendlandes gelungen.  Dabei ist sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung nicht bloß als ein erfolgreicher “Versuch” zu werten, sondern es ist im Kern die Niederschrift einer genialen Inspiration, ja vielleicht sogar die Verkündung einer wunderbaren Offenbarung:  > Schopenhauers Philosophie - eine Offenbarung?


Anmerkungen
(1) Arthur Hübscher, Von Hegel zu Heidegger, Stuttgart 1961, S. 45.
(2) Über Arthur Schopenhauer, hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981, S. 112.
(3) Arthur Hübscher, a. a. O., S. 42 ff.
(4) Ebd., S. 39.

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