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Schopenhauer-Quellen (Abkürz.)

Zur Lebensphilosophie von Arthur Schopenhauer

Kampf ums Dasein und Mitleid

 Studienkreis

In seinem letzten Lebensjahr (1860) las Arthur Schopenhauer in der Times einen ausführlichen Artikel über ein sehr folgenreiches, ja geradezu sensationelles Buch, das von epochaler Bedeutung wurde. Es ist ein Buch, das auch heute noch von vielen, die an göttliche Schöpfung glauben, mit Erbitterung bekämpft, inzwischen aber wissenschaftlich weitgehend anerkannt wird:  Charles Darwin 1859 veröffentlichtes Hauptwerk Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein . Schon im Titel wies Darwin auf ein zentrales Merkmal des Lebens hin, nämlich den Kampf ums Dasein (struggle for life), in welchem nur dasjenige, das am besten an die Umwelt angepasst ist, überlebt (the survival of the fittest).(1)  Bereits 2500 Jahre vor Darwin hatte der altgriechische Philosoph Heraklit über den Daseinskampf hinaus den Kampf schlechthin zum Weltprinzip erhoben, weil er der Vater von allem sei.

Der Kampf ums Dasein ist ein Kampf um das Fortbestehen. Dieses ist aber immer wieder mit dem Entstehen neuen und zugleich mit der Zerstörung anderen Lebens verbunden. In der altindischen Hindu-Mythologie sind es drei Götter, nämlich Brahma, Vishnu und Shiva, die jeweils Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung repräsentieren. Jedoch in Wahrheit sind die drei Götter eins und werden dementsprechend in Bildnissen als ein Körper mit drei Köpfen dargestellt. Man könnte darin auch ein anschauliches Symbol  für eine zentrale Aussage der Philosophie Schopenhauers sehen, denn nach ihr sind alle Erscheinungen unserer Welt Manifestationen eines metaphysischen Willens.(2 ) Das ist vielleicht vergleichbar mit manchen theistischen Glaubensrichtungen, für die sich das Göttliche in allen Erschei- nungsformen manifestiert.

Schopenhauer nannte das, welches hinter allem steht, was wir wahrnehmen, Wille. Dieser sei   eine Einheit, die als Vielheit in Erscheinung tritt. Da Schopenhauer kein Träumer, kein Wunschdenker, sondern Realist war, sah er deutlich, wie wenig unsere Welt als Einheit erscheint, ja wie sehr sie durch Kampf und Streit innerlich zerrissen ist. Für ihn war die Welt Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehn, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist ...(3)

Was Schopenhauer so drastisch beschrieben hat, ist - nach seinen Worten - die dem Willen wesentliche Entzweiung mit sich selbst.(4) Es sei, so Schopenhauer, ein hungriger Wille, der an seinem eigenen Fleische zehren muss.(5) Somit ist der Kampf ums Dasein gleichsam eine Selbst- zerfleischung dessen, was im Grunde eine Einheit ist. Dieser Widerstreit zeigt sich, wofür Arthur Schopenhauer viele Beispiele anführt, überall in der Natur, ja diese besteht eben wieder nur durch ihn (den Widerstreit).(6)  Das erinnert an das obige Heraklit-Zitat. Schopenhauer wies dazu noch auf eine von Aristoteles überlieferte Aussage des vorsokratischen Philosophen Empedokles hin: denn wenn der Streit nicht den Dingen innewohnte, so würde alles Eines sein.

Natürlich stoßen Aussagen, die den Kampf als Naturprinzip bezeichnen, auf den Widerspruch aller, die in ihrem unerschütterlichen Fortschrittsoptimismus weiter daran glauben wollen, dass eine Welt voller Frieden und Gewaltlosigkeit letztlich doch noch möglich ist. Schopenhauer ging es aber nicht um bloßes Wunschdenken, sondern um Wahrheiten. Zu diesen gehört, dass der Widerstreit, da er in der gesamten Natur herrscht, selbstverständlich auch im Verhältnis der Menschen zueinander anzutreffen  ist. Das ist, davon war Schopenhauer überzeugt, der tiefere Grund für den Unfrieden zwischen den Menschen, der im Extremfall bis zu einem der schlimmsten Übel, dem Krieg, führen kann. Selbst wer meint, Kriege seien Ausdruck eines in der Natur herrschenden schrecklichen Prinzips, wird nicht bestreiten können, dass Kriege von Menschen verursacht und geführt werden. Besonders für dieses Beispiel gilt das Schopenhauer-Wort:  Der Hauptquelle der ernstlichsten Übel, die den Menschen treffen, ist der Mensch selbst: homo homini lupus (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf).(7)

Würde unsere Welt nur durch den Kampf ums Dasein, durch die schreckliche Selbstzerflei- schung aller Erscheinungsformen eines metaphysischen Willens geprägt sein, dann wäre sie völlig trostlos und nicht wert, hier als Thema erörtert zu werden. Indes gibt es noch eine andere Seite unserer Welt, die Schopenhauer ebenfalls sehr eindrucksvoll beschrieben hat. Kennzeichen dieser anderen Seite sind mit Schopenhauers Worten: Menschenliebe - Herzensgüte - Mitleid. Gerade in der Beschreibung dieser anderen, überaus hellen Seite zeigt sich, wie sehr Schopenhauer in seiner Sprachkunst fast alle anderen Philosophen übertrifft:

Wie Fackeln und Feuerwerk vor der Sonne blaß und unscheinbar werden, so wird Geist, ja Genie, und ebenfalls Schönheit, überstrahlt und verdunkelt von der Güte des Herzens ... Sogar der beschränkteste Verstand, wie auch die groteske Häßlichkeit, werden, sobald die ungemeine Güte des Herzens sich in ihrer Begleitung kund getan, gleichsam verklärt, umstrahlt von einer Schönheit höherer Art, indem jetzt aus ihnen eine Weisheit spricht, vor der jede andere ver- stummen muß.(8)

Selbst wenn der Mensch, was leider allzu oft der Fall ist, dem Menschen ein Wolf ist, so äußert sich dennoch in unserer Welt, und zwar nicht selten, die Tugend der Menschenliebe. Ihr hat Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral sogar ein besonderes Kapitel eingeräumt. Gleich am Beginn dieses Kapitels betonte Schopenhauer, dass Menschenliebe praktisch und faktisch ... zu jeder Zeit dagewesen sei.(9) Dieses und auch die Tatsache, dass Schopenhauer die Menschenliebe als eine Kardinaltugend in höchsten Worten pries, beweist, dass Schopenhauer keineswegs der "Menschenfeind" gewesen war, als den ihn mancher seiner Gegner (zuweilen leider mit Erfolg!) verleumdeten.

Menschenliebe sah Schopenhauer in einem engen Zusammenhang zum Mitleid: Was daher auch Güte, Liebe und Edelmut für Andere tun, ist immer nur Linderung ihrer Leiden, und folglich ist, was sie bewegen kann zu guten Taten und Werken der Liebe, immer nur die Erkenntnis des fremden Leidens, aus dem eigenen unmittelbar verständlich und diesem gleichgesetzt. Hieraus aber ergibt sich, dass die reine Liebe ihrer Natur nach Mitleid ist.(10)

Nicht jeder wird Schopenhauers Gleichsetzung von Liebe und Mitleid zustimmen. Es ist jedoch eine Erfahrungstatsache, dass sich wahre Liebe oft erst in Zeiten des Unglücks und des Leides beweist und bewährt. Liebe und Mitleid werden dann kaum voneinander zu trennen sein. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen den Begriffen Mitleid und Menschenliebe, denn letztere bezieht sich - wie das Wort besagt - nur auf Menschen. Mitleid hingegen kann auch Tiere einschließen. Mitleid mit Mensch und Tier war für Schopenhauer die Grundlage der Ethik. Menschenliebe, meinte Schopenhauer, sei in Europa zuerst vom Christentum als Tugend aufgestellt worden. Jedoch bereits tausend Jahre zuvor wurde durch den Buddhismus eine Ethik vertreten, in der eine sich auf alle Wesen beziehende Herzens- güte und allumfassendes Mitleid von zentraler Bedeutung sind.

Beim Kampf ums Dasein geht es um Selbsterhaltung. Mitleid kann da zum Problem werden, auf das von Friedrich Nietzsche in einem Kapitel seiner Morgenröte unter der Überschrift In wie fern man sich vor dem Mitleiden zu hüten hat hingewiesen wurde: Wer einmal, versuchsweise (!), den Anlässen zum Mitleiden im praktischen Leben eine Zeitlang absichtlich nachgeht und sich alles Elend, dessen er in seiner Umgebung habhaft werden kann, immer vor die Seele stellt, wird unvermeidlich krank und melancholisch.(11) Wollte man Nietzsches Warnung zum alltäglichen Lebensgrundsatz machen, was bei manchen der Fall zu sein scheint, müsste man seine Augen fest verschliessen und würde selbst dort seine Hilfe verweigern, wo es ohne Gefährdung der eigenen psychischen und physischen Gesundheit möglich wäre. Es kommt also hier - wie so oft im Leben - auf das rechte Maß an, bei welchem sich Mitleid und Selbsterhaltung miteinander in Einklang bringen lassen.

Schaut man sich jedoch in der Natur um, so scheinen sich Kampf ums Dasein und Mitleid einander auszuschliessen: Empfände das Raubtier Mitleid mit seiner Beute, es würde verhungern. Gilt das aber auch für Menschen? Nein, zumindest nicht überall und nicht in dieser unerbittlichen Konse- uenz. Wenigstens bei uns und in anderen Wohlstandsländern gibt es durchaus Möglichkeiten, auf andere Wesen Rücksicht zu nehmen. So leben zum Beispiel zunehmend mehr Menschen vegan, d. h., sie ver- meiden alle Produkte, die vom Tier stammen und zwangsläufig mit Tierleid verbunden sind. Auch  das ist Ausdruck von Mitleid und ein Beweis für die Möglichkeit, den Daseinskampf nicht mit voller Härte und Erbarmungslosigkeit zu führen. Selbst wer davon überzeugt ist, dass der Kampf ums Dasein untrennbarer Teil der Wirklichkeit ist, kann dennoch bemüht sein, fremdes Leben zu achten und zu schonen. Allein die Tatsache, dass hierzu viele Menschen bereit sind, gibt Grund zur Hoffnung.
                                                                                                                                                             Anmerkungen

(1)  In seinem Brief vom 1. März 1860 an Adam von Doss schrieb Arthur Schopenhauer: "Aus Darwin´s Buch habe(ich) einen ausführlichen Auszug in den Times gelesen: danach ist es keineswegs meiner Theorie verwandt, sondern platter Empirismus, der  in dieser Sache nicht ausreicht: ist eine Variation der Theorie de la Mark´s." Diese Meinung Schopenhauers ist verständlich, denn z. B. vertritt er die Auffassung, dass es eine "Verirrung der Naturwissenschaft" sei, "wenn sie die höheren Stufen der Objektivität des Willens zurückführen will auf niedere". S. dazu Arthur Schopenhauer W I, S. 192.

Gerade diese von Schopenhauer genannte "Verirrung” ist eine der wesentlichsten Erkenntnisse Darwins zur Entstehung der Arten. Darwins Lehre ist aus der naturwissenschaftlichen Beobachtung hergeleitet und insofern Empirismus. Schopenhauers Philosophie beruht zwar ebenfalls auf Anschauung, die dann jedoch zu seiner metaphysischen Willenslehre führte. Obwohl manche Aussagen Schopenhauers durch die moderne Naturwissenschaft inzwischen überholt sein dürften, wird der metaphysische Kern seiner Philosophie m. E. davon nicht berührt. Insofern wird Schopenhauers Philosophie auch durch die Lehre Darwins im wesentlichen nicht widerlegt : Die Welt ist auch weiterhin Wille und Vorstellung. 

(2)   Auf diese hinduistische Trimurti und ihre innere Bedeutung weist auch Schopenhauer hin (s. W I, S. 493).
(3)   W II, S. 680.
(4)   W I, S. 197.
(5)   P II, S. 351.
(6)   Zu diesem und dem folgenden s. W I, 197 f.
(7  ) W II, S. 676.
(8)   Ebd., S.271
(9)   M, S. 266.
(10) W I, S. 465 f.
(11) Zit. nach : Vom Mitleid, Insel Taschenbuch 2503, S. 147 f.

                                                                                                                                                                                            hb

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