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Arthur Schopenhauer

Zur Lebensphilosophie von Arthur Schopenhauer

 Der metaphysische Wille 

Das, was Kant das Ding an sich nannte, bezeichnete Arthur  Schopenhauer als Wille. Schopenhauer verwendete dieses Wort, weil sich dieser Wille am unmittelbarsten und deutlichsten äußert in dem, was im allgemeinen Sprachgebrauch unter Wille verstanden wird. So “borgte” er sich, “um als Verständigungspunkt zu dienen... unter allen Erscheinungen die vollkommenste, d. h. die deutlichste, am meisten entfaltete, vom Erkennen unmittelbar beleuchtete: diese aber eben ist des Menschen  Wille ”.(1) 

Dieser  letztgenannte Wille ist damit nur eine Erscheinungsform des Willens ; also des Dings an sich im Sinne Schopenhauers. Indem Schopenhauer den gemeinhin verwendeten Begriff  Wille entscheidend erweiterte, gab er durch diese doppeldeutige Begriffsverwendung immer wieder Anlaß zu grundlegenden Mißverständnissen seiner Philosophie. Schopenhauer war sich dessen durchaus bewusst, denn, wie er schrieb, es würde “in einem immerwährenden Mißverständnis befangen bleiben, wer nicht fähig wäre, die hier geforderte Erweiterung des Begriffs [Wille] zu vollziehn...”(2)

Die von Schopenhauer vorgenommene Begriffserweiterung wird auch darin deutlich, wie  er Wille und Kraft voneinander unterschied:

Bisher subsumirte man den Begriff  Wille  unter den Begriff  Kraft : dagegen mache ich es gerade umgekehrt und will jede Kraft in der Natur als Wille gedacht wissen. Man glaube ja nicht, daß dies Wortstreit oder gleichgültig sei: vielmehr ist es von der allerhöchsten Bedeutung und Wichtigkeit.(2)

Kraft, so betonte Schopenhauer, sei eine Erscheinungsform des Willens, des Dinges an sich. Daher beruhe der Wille nicht auf einer Kraft, sondern die Kraft auf dem Willen!

Der Wille, der als Kraft, Trieb oder Wille im gewöhnlichen Sinne “erscheint”, wurde so von Schopenhauer begrifflich in den Bereich des Metaphysischen erweitert. Da dieser Wille, das Ding an sich, für Schopenhauer das innere Wesen der Welt und aller ihrer Erscheinungen ist, enthält seine Philosophie in ihrem Kern einen metaphysischen Voluntarismus.(3)

Die Philosophie Schopenhauers erreichte (oder überschritt!) so die Grenze zur Metaphysik. Sie nahm dadurch, wie sich später bei einigen Verehrern Schopenhauers deutlich zeigte, gleichsam religiöse Züge an und kam mit der von ihr postulierten Möglichkeit  der Willensverneinung den Aussagen abendländischer Mystiker und östlicher Weisheitslehren nahe.

 

Anmerkungen

(1)  Hierzu und dem folgenden: Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe,
Werke in zehn Bänden, Band I, Die Welt als Wille und Vorstellung I, § 22, S. 155.

(2)  Ebd., S.156.

(3) Voluntarismus ist “diejenige Richtung der Metaphysik unter der Psychologie, die nicht den Intellekt, sondern den Willen psychologisch als Grundfunktion des seelischen Lebens, metaphysisch als das Grundprinzip oder Ansich des Seins betrachtet... Der klassische Philosoph des Voluntarismus ist Schopenhauer, für den der Wille das Grundprinzip aller Wirklichkeit ist”.
(Philosophisches Wörterbuch, 21. Aufl., Stuttgart 1982, S. 733)

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