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Richard Wagner über Arthur Schopenhauer - sein Schopenhauer-Erlebnis aus Thomas Manns Sicht

Richard Wagner und der 25 Jahre ältere Arthur Schopenhauer waren Zeitgenossen. Beide wussten voneinander, doch kam es zu keiner persönlichen Begegnung. In seiner Auto- biografie Mein Leben berichtete Richard Wagner, dass Arthur Schopenhauer sich “bedeutend und günstig über meine Dichtung” ausgesprochen habe.(1) Das mag für Wagners “Dichtung” gelten, aber nicht für seine Musik, denn hierzu äußerte sich Schopenhauer gegenüber einem gemeinsamen Bekannten: Sagen Sie ihrem Freunde Wagner in meinem Namen Dank für die Zusendung seiner Nibelungen, allein er solle die Musik an den Nagel hängen, er hat mehr Genie zum Dichter! Ich, Schopenhauer , bleibe Rossini und Mozart treu!(2)

Wagner lernte im Herbst 1854 “wie ein Himmelsgeschenk” Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung kennen. So kam es dann, wie bei vielen anderen vor und nach ihm, zum großen Schopenhauer-Erlebnis. Am 16. September 1854 schrieb Wagner an Liszt: “Sein (Schopenhauers) Hauptgedanke, die endliche Verneinung des Willens zum Leben, ist von furchtbarem Ernste, aber einzig erlösend. Mir kam er natürlich nicht neu, und niemand kann ihn überhaupt denken, in dem er nicht bereits lebte. Aber zu dieser Klarheit erweckt hat mir ihn erst dieser Philosoph.”(3)

Inzwischen ist weit mehr als ein Jahrhundert vergangen und seitdem gibt es eine  kaum noch überschaubare Literatur zur Frage, ob und inwieweit sich Schopenhauers Einfluss in Wagners Werken widerspiegelt, also ob sie von Willensverneinung im Sinne Schopenhauers oder Willensbejahung geprägt sind.(4) Ein gewichtiger Beitrag zu dieser Diskussion ist der von  Thomas Mann. Wie sehr er Arthur Schopenhauer zugetan war, kommt nicht nur in seinem wohl bekanntestem Werk, Buddenbrooks, zum Ausdruck, sondern auch in dem erstmals 1935 erschienenen Buch Leiden und Größe der Meister.(5) Zu den “Meistern”, die Thomas Mann dort in Essays beschrieb, gehört neben Arthur Schopenhauer auch Richard Wagner. Das folgende Zitat sagt nicht nur viel über das Verhältnis Wagners zu Schopenhauer aus, sondern ist auch aufschlussreich für die höchst subtile Art und Weise, in der sich Thomas Mann über Schopenhauer und Wagner äußerte:

“ Die Bekanntschaft mit der Philosophie Arthur Schopenhauers ist das große Ereignis im Leben Wagners; keine frühere intellektuelle Begegnung, etwa die mit Feuerbach, kommt dieser an persönlicher und historischer Bedeutung gleich: denn sie bedeutete höchsten Trost. tiefste Selbstbetätigung, geistige Erlösung für den, dem sie in so vollkommenem Sinne ´zukam`. und sie hat ohne Zweifel erst seiner Musik den entfesselnden Mut zu sich selbst gegeben. Wagner glaubte wenig an die Wirklichkeit der Freundschaft; die Schranken der Individuation, die die Seelen trennen, machten in seinen Augen, nach seiner Erfahrung, die Einsamkeit unüberwindbar, volles Verstehen unmöglich.

Hier ( in Schopenhauers Philosophie ) fühlte er ( Richard Wagner ) sich verstanden und verstand vollkommen: ` Mein Freund Schopenhauer ` - ´Ein Himmelsgeschenk in meine Einsamkeit ` - ´Aber einen Freund habe ich `, schreibt er, ´den ich immer von neuem lieber gewinne. Das ist mein alter, so mürrisch aussehender und doch so tief liebevoller Schopenhauer!

Wenn ich mit meinem Fühlen am weitesten und  tiefsten geraten bin, welche ganz einzige Erfrischung, beim Aufschlagen jenes Buches mich plötzlich so ganz wieder zu finden, so ganz verstanden und deutlich ausgedrückt zu sehen, nur eben in der ganz anderen Sprache, die das Leiden schnell zum Gegenstande des Erkennens macht ... Das ist eine ganz wundervolle Wechselwirkung und ein Austausch der allerbeglückendsten Art: und immer ist diese Wirkung neu, weil sie immer stärker ist ... Wie schön, daß der alte Mann gar nichts davon weiß, was er mir ist, was ich mir durch ihn bin.` ...(6)

Nach diesen, an sich schon sehr eindrucksvollen Wagner-Worten hob Thomas Mann nochmals die überaus große Bedeutung hervor, die das Schopenhauer-Erlebnis für Richard Wagner hatte: “Niemals wahrscheinlich in aller Seelengeschichte hat die Bedürftigkeit des dunklen, des getriebenen Menschen, des Künstlers nach geistiger Stütze, nach Rechtfertigung und Belehrung durch den Gedanken eine so wundervolle Befriedigung erfahren, wie es diejenige war, die Wagner durch Schopenhauer zuteil wurde.”(7)
                                                                                                                                                                                                                                       hb

Anmerkungen

(1) Zit. nach Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue, stark erw. Ausgabe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
     Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 199 f.
(2) Ebenda.
(3) Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom. Schopenhauer : Gestern - Heute - Morgen,  2. Aufl.,
     Bonn 1982, S. 287.
(4) Hierzu ausführlich: Schopenhauer und Wagner, Ebenda, S. 286 ff.
(5) Thomas Mann, Leiden und Größe der Meister, Frankfurt am Main 1957.
(6) Ebenda, S. 247.
(7) Ebenda, S. 248.

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