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Upanischaden

Auszüge aus: Karl Gjellerup, Die Upanischaden.

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2. Das All und das Eine : Brahman = Atman ( Tat Tvam Asi )

Ein einziges Hauptthema haben die Upanischaden, und sie variieren es ins Unendliche: es ist kein anderes als ... das All und das Eine ...

Auf jeder Seite predigen also die Upanischaden, bald verblümt, in Bildern und ritueller Symbolik, bald mit reinen Worten, in feierlicher Prosa oder in breit hinwallenden Rhythmen, die große metaphy- sische Wahrheit, dass nur das eine Wesen ( Brahman , Atman ) ist; “ungeteilt und doch als wäre es geteilt ” existiert es in allen Wesen. Alles was da ist, besteht nur aus seinen Erscheinungsformen, unter welchen die Naturkräfte, die Götter, die obersten  sind (Maitrayana Upanischad 4,3), in Wahrheit aber existiert nur jenes Eine. “Wahrlich, dieses ist das,” lautet Kathakas stehende  Identitätsformel, wobei “dieses” das individuelle Wesen und “das” Brahman bezeichnet. ...

Wie durch einen Tonklumpen Alles, was aus Ton ist, durch einen kupfernen Knopf Alles, was aus Kupfer ist, seiner Substanz nach erkannt wird, so Alles, was existiert, durch das Erkennen des einen wahrhaft Seienden: “ an Worte sich klammernd ist die Umwandlung ein bloßer Name” - (Chandogya Upanischad 6,1) - womit Deussen treffend Parmenides´ Ausspruch parallelisiert: “ Darum ist Alles, was die Menschen vertrauensvoll für wahr angenommen haben, alles Werden und Vergehen, ein bloßer Name.

Was hier ist, das ist auch dorten,
Was dorten das ist auch hier ...
Im Geiste soll man dies merken:
Nicht ist hier Vielheit irgendwie.
                                                  
(Kathaka Upanischad. 4,10-11)

Werden ist Schein, Bewegung Schein,
Das Dingliche ist bloßer Schein ...
In Wahrheit Alles ist ewig,
Vernichtetwerden gibt es nicht.
                                                  
(Mandukya Karika 4)

Es gibt keine Vielheit; im Gegenteil gilt von jedem Wesen “ das große Wort ”: “ Das bist du ” -
tat tvam asi, die durch Schopenhauer so bekannt gewordene Formel des Chandogya-Upanischad (Svetaketus Belehrung). Wie der große Baum mit seinen Wurzeln, Ästen und Blättern im homogenen Kern begründet ist, so die Mannigfaltigkeit der ganzen Welt in dem einen unterschiedslosen Seienden, das sein inneres, unwahrnehmbares Wesen ist.

“ Hole mir dort  von dem Nyagrodha-Baume eine Frucht.” “ Hier ist sie, Ehrwürdiger.” ...
“ Spalte sie.” - “ Sie ist gespalten, Ehrwürdiger.” “ Was siehest du darin ?”- “ Ich sehe hier, o Ehrwürdiger, ganz kleine Kerne.” - “ Spalte einen von ihnen.” - “ Er ist gespalten, Ehrwürdiger .”- “ Was siehest du darin ?” - “ Gar nichts, o Ehrwürdiger.” - Da sprach er: “ Die Feinheit, die du nicht wahrnimmst, o Teurer, aus dieser Feinheit fürwahr ist dieser große Nyagrodha-Baum entstan- den. Glaube, o Teurer, was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Svetaketu. “
                                                                              
(Chandogya Upanischad 6,12)  

Die älteste Upanischadstelle, in welcher uns diese Hauptlehre des Vedanta entgegentritt
(Chandogya Upanischad  3,14), ist ein kleines abgeschlossenes Ganzes, das wohl verdient, in extenso wiedergegeben zu werden.

“ Gewisslich, dieses Weltall ist Brahman. Als Tajjalan (Geheimname) soll man es ehren in der Stille.

Fürwahr, aus Einsicht ist der Mensch gebildet, wie seine Einsicht ist in dieser Welt, danach wird der Mensch, wenn er dahingeschieden ist; darum möge man trachten nach der Einsicht.

Geist ist sein Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt; sein Ratschluss ist Wahrheit, sein Selbst die Unendlichkeit. Allwirkend ist er, allwünschend, allriechend, allschmeckend, das All umfassend, schweigend, unbekümmert.

Dieser ist meine Seele (atman) im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn oder ... Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern.

Dieser ist meine Seele im inneren Herzen, größer als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese Welten.

Das Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, das Allumfassende, Schweigende, Unbekümmerte, dieses ist meine Seele im inneren Herzen, zu ihm werde ich, von hier abscheidend, eingehen.

Wem dieses ward, fürwahr, der zweifelt nicht.

Also sprach Sandilya “

Wie primitiv auch diese Stelle, mit vielen anderen verglichen, ist, spricht sie doch mit voller Klarheit die Grundlehre aus: die Identifikation der individuellen Seele mit der Weltseele.

“ Die Seele “ kommentiert Deussen - “ welche der empirischen Betrachtung nur als ein Tropfen des Ozeans, als ein Funken des großen Weltfeuers erscheint, ist in Wahrheit nicht dieses: sie ist nicht ein Teil, ein Ausfluss des göttlichen Wesens, sondern voll und ganz dieses göttliche Wesen selbst, welches unendlich klein in uns und unendlich groß außer uns erscheint, in beiden Fällen aber eins und dasselbe ist.” 

Diese Parallelisierung ist typisch. Man kann es als die Methode der Upanischaden bezeichnen, immer das Große und das Kleine in der Bedeutung des Kosmischen und des Organischen zu parallelisieren - (den Weltraum und den Raum im Körper, die Sonne und das Auge, den Wind und den Atem) - immer wird von beiden Seiten gesprochen. Nirgends wurden die Begriffe Makrokosmos und Mikrokosmos so ernst genommen wie hier.

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