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Upanischaden

Auszüge aus: Karl Gjellerup, Die Upanischaden.

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5. Brahman - Nirvana - “ Nichts “ - Buddhismus - Schopenhauer

Wer ohne Verlangen, frei von Verlangen, gestillten Verlangens, selbst sein Verlangen ist, dessen Lebensgeister ziehen nicht aus, sondern Brahman ist er und in Brahman geht er auf.

Wenn alle Leidenschaft schwindet,
Die nistet in des Menschen Herz.
Dann wird, wer sterblich, unsterblich,
Schon hier erlangt das Brahman er.

Wie eine Schlangenhaut tot und abgeworfen auf einem Ameisenhaufen liegt, also liegt dann dieser Körper. Aber das Körperlose, das Unsterbliche ist lauter Brahman, ist lauter Licht. “
                                                                                                            
(Brihandaranyaka Upanischad 4,4)

 Wenn das Brahman hier als Licht bezeichnet wird, ist dies selbstverständlich rein bildlich zu verstehen, es ist ein Stimmungsausdruck: der Gegensatz zur “ blinden Finsternis”, die dies dämonische Weltall bedeckt. Das Brahman ist ja eigenschaftslos und über jeder Bestimmung erhaben (“ es ist nicht so und es ist nicht so “).

Freilich wird öfters gesagt, daß es (das Brahman) aus lauter Erkenntnis besteht - wie ja fast jede Philosophie eine falsche Tendenz gehabt hat, den Gedanken und das Bewußtseinsleben zum Primären zu machen. Diese Bestimmung wird aber dadurch wieder erheblich eingeschränkt, daß es heißt: “ es erkennt und erkennt doch nicht, denn es ist ein objektloses Erkennen “, und eine der tiefsinnigsten Stellen spricht es direkt aus: “ Nach dem Tode ist kein Bewußtsein.” Dies Wort findet sich in jenem Gespräch zwischen dem großen mythischen Lehrer Yajnavalkya und seiner Frau Maitreyi, dessen Einleitung ich (Gjellerup) diesem Aufsatze vorangestellt habe, als bezeichnend für den Grundzug der Upanischaden. Die Frau versteht das Wort nicht. “ Damit, o Herr, hast du mich verwirrt, daß du sagst, nach dem Tode sei kein Bewusstsein.” - Aber Yajnavalkya sprach: “ Nicht Verwirrung, wahrlich, rede ich: Was ich gesagt, genügt zum Verständnisse: denn wo eine Zweiheit gleichsam ist, da siehet Einer den Andern, da hört Einer den Andern, da erkennt einer den Andern. Wo aber Einem Alles zum eigenen Selbst geworden ist, wie sollte er da irgend wen sehen, hören oder erkennen? Durch welchen er Alles erkennt, wie sollte er den erkennen - wie sollte er doch den Erkenner erkennen?” 
(Brihadaranyaka Upanishad 2, 4.)

Der Ausdruck “ jenseits Bewußtsein und Nicht-Bewußtsein ” ist freilich ein buddhistischer Terminus, paßt aber vollkommen für diesen Gedankengang, denn wie überhaupt das Nirvana des Buddhisten in keiner Hinsicht von der Einheit mit Brahman verschieden ist. Alle nichtverstehenden Gegner des Buddhismus haben ihm immer wieder mit Entrüstung vorgeworfen, sein Nirvana sei das reine Nichts. Hiermit stimmt es nun auf das Schönste überein, wenn an einer Stelle (Nirisinha uttara 6) Brahman als das “ ganz aus Wonne bestehende Leere “ bezeichnet wird.

Der, dem die empirische Realität die absolute Fülle ist, ihm muss ihr Verschwinden allerdings das absolute Leere sein, und wo diese Welt Alles ist, wird notwendigerweise die Negation Nichts - die positiven und negativen Zeichen können umgetauscht werden. Es ist aber das Nichts, von dem Faust sagt: “ in eurem Nichts hoff´ ich das All zu finden “ oder wie Schopenhauer sein Hauptwerk schließt:

Wir bekennen es vielmehr frei: was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle Die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist Denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen - Nichts.

Womit man den Ausspruch Kierkegaards vergleiche, eines der tiefsten religiösen Denker, der aber sonst diesem Standpunkte als ausgemachter Individualist fern steht: “ Das mystische Nichts ist ein Nichts der Vorstellung, ein Nichts, das dennoch eben so inhaltsreich ist, wie das Schweigen der Nacht lautredend ist für den, der Ohren hat zu hören .

Dieser große religiös-philosophische Gedankengang - der strengste Monismus, den die Welt erlebt hat - von dem ich ( Gjellerup ) hier versucht habe, die Grundzüge mit den eigenen Worten der Upanischaden zu geben, begegnet uns in diesen heiligen Schriften keineswegs als ein fertiges System.

Vorbereitende mythische Anläufe und Rückfälle, bald in mythische Anschauungen, bald in theistische Vorstellungen, leiten ein und unterbrechen häufig sein Wachstum. Bald rankt sich dieses an alten Sagen empor oder bekleidet die finsteren Tempelmauern des Opferrituales mit frischem Blätter- werk. Dazwischen entfalten Legendenblumen ihre exotische Pracht, einen würzigen Duft ausatmend;    wie Gesang wunderbarer Urwaldvögel klingt hier und dort eine alte Strophe aus Rigveda, einmal zischt die Schlangenbeschwörung ihren unheimlichen Zauber, während die feierliche, langatmige Prosa und die ruhig wallenden Verse überall eine Stimmung vom Rauschen hoher Bäume und Rieseln großer Ströme ausbreitet - jene Umgebungen, die der Inder sich so gerne aussuchte, um sich in die bodenlose Tiefe theosophischer Meditation zu versenken.

Bisweilen eröffnet sich auch ein Perspektiv nach einem anmutigen Bilde altindischen Lebens. Allerdings trifft man auch große, gänzlich unfruchtbare Strecken - besonders in den späteren kleinen Upanischaden, wo nur das Unkraut des Formelwesens  und der willkürlichen Spitzfindigkeiten, das    überall keimt, üppig in die Halme schießt und alles Andere erstickt - wiewohl auch dies Unkraut hier   und da eine Blume aufzuzeigen hat. Im Ganzen aber teilt diese bunte, auch im Wert so verschieden-  artige Mannigfaltigkeit der Lektüre einen Reiz mit, den man keineswegs entbehren möchte, und der   durch keinen Grad methodischer Einheit und systematischer Klarheit ersetzt werden könnte. Für den,   der sich mit Verständnis in sie hineinliest, werden diese ehrwürdigen Denkmäler altertümlichen Denkens ein Werk, das er spät oder nie erschöpft.

Denen, die bei Schopenhauer zu Hause sind, braucht es nicht auseinander gesetzt zu werden, welche tiefe Übereinstimmung zwischen seiner Philosophie und den Upanischaden besteht; es genügt, daran zu erinnern ...
                                                                                                                                                       HB

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