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Arthur Schopenhauer : Mystik und Philosophie

Arthur Schopenhauer hatte sich wie kaum ein anderer Philosoph bis zum Ende seines Lebens intensiv mit den Schriften der Mystik befasst und in seinen philosophischen Werken immer wieder Bezug auf sie genommen. Seine Werke sind Philosophie, aber darüber hinaus - was Schopenhauer wohl bestritten hätte - in ihrem Kern Erlösungsmystik. Deshalb sind die folgenden Ausführungen Schopenhauers über das Verhältnis von Mystik und Philosophie für das Verständnis seiner Lehre von größter Bedeutung: 

Mystik, im weitesten Sinne, ist jede Anleitung zum unmittelbaren Inne- werden Dessen, wohin weder Anschauung noch Begriff, also überhaupt keine Erkenntniß reicht. Der Mystiker steht zum Philosophen dadurch im Gegensatz, daß er von innen anhebt, dieser aber von außen. Der Mystiker nämlich geht aus von seiner innern, positiven, individuellen Erfahrung, in welcher er sich findet als das ewige, alleinige Wesen ... Aber mittheilbar ist hievon nichts, als eben Behauptungen, die man auf sein Wort zu glauben hat: folglich kann er nicht überzeugen.

Der Philosoph hingegen geht aus von dem Allen Gemeinsamen, von der objektiven, Allen vorliegenden Erscheinung, und von den Thatsachen des Selbst- bewußtseins, wie sie sich in Jedem vorfinden. Seine Methode ist daher die Reflexion über alles Dieses und die Kombination der darin gegebenen Data: deswegen kann er überzeugen. Er soll sich daher hüten, in die Weise der Mystiker zu gerathen, und etwan, mittelst Behauptung intellektualer Anschauungen, oder vorgeblicher unmittel- barer Vernunftsvernehmungen, positive Erkenntniß von Dem vorspiegeln zu wollen, was, aller Erkenntniß ewig unzugänglich, höchstens durch eine Negation bezeichnet werden kann.

Die Philosophie hat ihren Werth und ihre Würde darin, daß sie alle nicht zu begründenden Annahmen verschmäht und in ihre Data nur Das aufnimmt, was sich in der anschaulich gegebenen Außenwelt, in den unsern Intellekt konstituierenden Formen zur Auffassung derselben und in dem Allen gemeinsamen Bewußtseyn des eigenen Selbst sicher nachweisen läßt. Dieserhalb muß sie Kosmologie bleiben und kann nicht Theologie werden. Ihr Thema muß sich auf diese Welt beschränken: was diese sei, im tiefsten Innern sei, allseitig auszusprechen, ist Alles, was sie redlicher- weise leisten kann. - 

Diesem nun entspricht es, daß meine Lehre, wenn auf ihrem Gipfelpunkte angelangt, einen negativen Charakter annimmt, also mit einer Negation endigt. Sie kann hier nämlich nur von dem reden, was verneint, aufgegeben wird: was dafür aber gewonnen, ergriffen wird, ist sie genöthigt ... als Nichts zu bezeichnen, und kann bloß den Trost hinzufügen, daß es nur ein relatives, kein absolutes Nichts sei. Denn, wenn etwas nichts ist von allen Dem, was wir kennen ; so ist es allerdings für uns überhaupt nichts. Dennoch folgt hieraus noch nicht, daß es absolut nichts sei, daß es nämlich auch von jedem möglichen Standpunkt aus und in jedem möglichen Sinne nichts seyn müsse; sondern nur, daß wir auf eine völlig negative Erkenntniß des- selben beschränkt sind; welches sehr wohl an der Beschränkung unsers Standpunkts liegen kann.-

Hier nun gerade ist es, wo der Mystiker positiv verfährt, und von wo an daher nichts, als Mystik übrig bleibt. Wer inzwischen zu der negativen Erkenntniß, bis zu welcher allein die Philosophie ihn leiten kann, diese Ergänzung wünscht, der findet sie am schönsten und reichlichsten im Oupnekhat ( Upanishaden )...”
                                                     Aus: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 48.

In diesem Zusammenhang wies Schopenhauer auf etwas höchst Erstaunliches hin: “ Nichts kann überraschender seyn, als die Übereinstimmung der ... ( Mystiker ) unter einander, bei der allergrößten Verschiedenheit ihrer Zeitalter, Länder und Religionen, begleitet von der felsenfesten Sicherheit und innigen Zuversicht, mit der sie den Bestand ihrer innern Erfahrung vortragen.” Jeder, der sich intensiv mit den Schriften östlicher und westlicher Mystiker befasst hat und darüber hinaus auch über spirituelle Einsichten verfügt, wird da Schopenhauer kaum widersprechen können.

In seinem Hauptwerks (“ Die Welt als Wille und Vorstellung” I, § 70) stellte Arthur Schopenhauer fest:

 Hinter unserm Daseyn steckt etwas Anderes, welches uns
            erst dadurch zugänglich wird, daß wir die Welt abschütteln.

Woher wußte Schopenhauer das? Als Philosoph kaum - vielleicht als Mystiker? Wenn ja, so war er wohl auch einer bedeutendsten Mystiker der Neuzeit.
                                                                                                                           HB 

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