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Arthur  Schopenhauer

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Auszug aus: Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon, 4. Bd. Leipzig (Brockhaus) 1860, S. 711 ff.;
  - Die Rechtschreibung wurde beibehalten; Zwischenüberschriften und Anmerkungen  von Herbert Becker -

- Teil 4 -

Der “misanthropische Weise” von Frankfurt

Beinahe 30 Jahre also lebte Schopenhauer in Frankfurt a. M. in der Weise eines einsamen Denkers und erwarb sich den Ruf eines “misanthropischen Weisen”, weil seine Weltansicht eine pessimistische war, und er vom Menschengeschlecht keinen sonderlich hohen Begriff hatte. (1) Auf seinen einsamen Spaziergängen begleitete ihn stets sein treuer Lebensgefährte, ein Pudel. Im Jahre 1845 schrieb er den Hunden zu Ehren dieses Epigramm:

Wundern darf es mich nicht, daß manche die Hunde verleumden:
Denn es beschämt zu oft leider den Menschen der Hund. (2)

 Doch, wenn einerseits die erkannte und erfahrene Schlechtigkeit des Menschen Schopenhauer zum Menschenfeinde machte, so machte ihn andererseits der Blick auf das Elend und den Jammer der Menschen, wofür er ein tieferes Gefühl hatte als manche mit ihrer Menschenliebe Prunkende, zum Menschenfreunde. (3)

 Er gab den Rath, statt sich über die Schlechtigkeit zu entsetzen und außer sich zu gerathen, sie lieber als Leidensgenossen zu betrachten und Mitleid mit ihnen zu haben. “Bei jedem Menschen”, sagte er, “mit dem man in Berührung kommt, unternehme man nicht eine objektive Abschätzung desselben nach Werth und Würde, ziehe also nicht die Schlechtigkeit seines Willens, noch die Beschränktheit seines Verstandes und die Verkehrtheit seiner Begriffe in Betrachtung; da ersteres leicht Haß, letztere Verachtung gegen ihn erwecken könnte, sondern man fasse allein seine Leiden, seine Noth, seine Angst, seine Schmerzen ins Auge: da wird man sich stets mit ihm verwandt fühlen, mit ihm sympathisiren und statt Haß oder Verachtung jenes Mitleid mit ihm empfinden, welche allein die Liebe (agape) ist, zu der das Evangelium aufruft. Um keinen Haß, keine Verachtung gegen ihn aufkommen zu lassen, ist wahrlich nicht die Aufsuchung seiner angeblichen ´Würde`, sondern umgekehrt der Standpunkt des Mitleids der allein geeignete.”

Auch sagte er: “Wenn man die menschliche Schlechtigkeit ins Auge gefaßt hat und sich darüber entsetzen möchte, so muß man alsbald den Blick auf den Jammer des menschlichen Daseins werfen; und wieder ebenso, wenn man vor diesem erschrocken ist, auf jene: da wird man finden, daß sie einander das Gleichgewicht halten, und wird der ewigen Gerechtigkeit inne werden, indem man merkt, daß die Welt selbst das Weltgericht ist.” (4)
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(1) Schopenhauer schildert zwar sehr eindrucksvoll das in der Welt herrschende Leid, bietet aber auch -was oft übersehen wird -  in seiner Philosophie den Ausblick auf Erlösung ( > Teil 9). 
> Warum Schopenhauer?

(2) Schopenhauers Zuneigung galt nicht nur Hunden, sondern darüber hinaus war er der erste bedeutende Philosoph der Neuzeit, der sich entschieden für den Tierschutz  einsetzte und entsprechend seiner Philosophie Gerechtigkeit auch für Tiere forderte. Schopenhauer kann durchaus als Wegbereiter für Tierrechte gelten:
> Schopenhauer und Tierschutz
> Schopenhauer und Tierrechte
>
Schopenhauer - ein früher Tierversuchsgegner

(3) Schopenhauer wird oft aus Unkenntnis oder aus grundsätzlicher  Ablehnung seiner Philosophie Menschenverachtung unterstellt. Dem ist entgegenzuhalten, dass seine “Preisschrift über die Grundlage der Moral” in § 18 den Titel trägt “Die Tugend der Menschenliebe”. Darin heißt es: “Aus Gerechtigkeit und Menschenliebe fließen sämtliche Tugenden”. Hieraus ergibt sich, dass Schopenhauer die Menschenliebe außerordentlich hoch schätzte und seine angebliche Menschenverachtung eher eine verleumderische als eine auf Tatsachen beruhende Behauptung ist. 

(4) Auch hierin stimmt Schopenhauer mit dem Buddhismus überein, für den die ausgleichende Gerechtigkeit durch das “Karma” bewirkt wird. Selbst wenn das Leid der Menschen als Folge ihrer früheren Taten und damit als gerecht angesehen wird, so bedeutet das nach Schopenhauer und der buddhistischen Lehre keinesfalls, dass Mitgefühl oder, wie es im Buddhismus heißt, “Karuna” bzw. “Metta”,  unangebracht wären. Der Gefahr, dass durch die Karmalehre das Mitgefühl abstumpfen kann, war sich der Buddhismus stets bewusst und betonte deshalb die zentrale Bedeutung von “Metta”-Übungen.
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